IST DAS NICHT ALLES IRGENDWIE ÄHNLICH?
Im Prinzip ja: Ob Hund, Pferd oder Rind – der grobe Ablauf im Ersttermin ähnelt sich. Viele Menschen, die Physiotherapie aus dem Humanbereich kennen, erwarten vielleicht, dass man mit einem Rezept vom Tierarzt kommt und innerhalb kurzer Zeit behandelt wird. In manchen Praxen ist das so, doch meine Arbeitsweise ist bewusst anders gestaltet: ruhig, strukturiert und mit ausreichend Zeit für das Tier.
Tiere kommunizieren nicht verbal, aber sie kommunizieren ständig – über Körpersprache, Blickkontakt, Anspannung, Entspannung, Annäherung oder Rückzug. Diese Signale wahrzunehmen und richtig einzuordnen ist entscheidend, um eine Behandlung achtsam, sanft und ohne Zwang durchführen zu können.
Deshalb nehme ich mir im Ersttermin besonders viel Zeit, um das Tier kennenzulernen, seine Reaktionen zu beobachten und Vertrauen aufzubauen. Eine ruhige Herangehensweise gibt dem Tier Orientierung und Sicherheit – unabhängig davon, ob wir uns zum ersten Mal sehen oder bereits vertraut sind.
TRANSPARENZ, VERTRAUEN, QUALITÄTSMANAGEMENT
Der Ersttermin beginnt nicht erst vor Ort, sondern bereits bei der Terminwahl und im Austausch mit den Halter:innen. Als Expert:innen für den Alltag ihrer Tiere wissen sie am besten, wann Ruhe herrscht und wann das Tier nicht durch Fütterung, Spaziergänge oder Training abgelenkt ist. Ein passender Termin schafft optimale Voraussetzungen für ein entspanntes Kennenlernen.
Während des Termins erkläre ich transparent, worauf ich achte, welche Zusammenhänge wichtig sind und wie ich zu meinen Einschätzungen komme. Dafür nutze ich auch Videoaufnahmen in Zeitlupe, um Bewegungsmuster sichtbar zu machen. Viele Halter:innen empfinden diesen Einblick als sehr wertvoll – es entsteht ein gemeinsames Verständnis für das, was das Tier zeigt.
Die Videoaufnahmen dienen außerdem der Dokumentation und Vergleichbarkeit. Sie helfen mir, Entwicklungen festzuhalten, Therapieprozesse zu analysieren und die Wirksamkeit verschiedener Techniken einzuschätzen. Nicht jedes Tier reagiert gleich – und genau deshalb ist ein strukturiertes Qualitätsmanagement so wichtig.
DIE TIERPHYSIOTHERAPEUTISCHE ERSTUNTERSUCHUNG
Jeder Ersttermin beginnt mit einer ausführlichen Anamnese. Halter:innen erzählen von ihrem Tier, seinen Besonderheiten, bisherigen Befunden und ihren Erwartungen an die Therapie. Wir besprechen Ziele, mögliche Reaktionen wie eine natürliche Erstverschlimmerung und meine Arbeitsweise. Auch die Zustimmung zur Behandlung und zur Nutzung des Low-Level-Lasers wird geklärt.
Anschließend folgt die Adspektion: Ich schaue mir das Tier im Stand von allen Seiten an, prüfe Schleimhäute, höre Herz, Lunge und Darm ab und messe bei Bedarf die Körpertemperatur. Das Tier hat dabei Zeit, mich in Ruhe wahrzunehmen.
DIE GANGANALYSE/ DER ÜBUNGSPARCOURS
In der Ganganalyse fertige ich Videoaufnahmen an, um Bewegungen detailliert beurteilen zu können. Das Tier wird im Schritt, Trab und – sofern möglich – im Galopp vorgestellt. Zusätzlich nutze ich, wenn es für das Tier möglich ist, einen kleinen Übungsparcours mit Slalom, Rückwärtsrichten, Wendungen und engen Zirkeln, um Bewegungsqualität und Körpergefühl besser einschätzen zu können.
Beim Pferd kommt die Beurteilung an der Longe hinzu, beim Rind hängt der Umfang der Analyse davon ab, wie führig das Tier ist. Die Übungen wähle ich flexibel – abhängig von den Beschwerden und dem Bewegungsbild, das das Tier an diesem Tag in seiner jeweiligen Tagesform zeigt
DIE PALPATION/ DAS ABTASTEN
Beim Abtasten gehe ich langsam und systematisch vor – von den oberflächlichen Gewebsschichten bis zu den tieferen Strukturen. Ich suche nach Asymmetrien, Verspannungen, Temperaturunterschieden oder Auffälligkeiten.
Die Gelenkprüfung erfolgt von unten nach oben. Bereiche, in denen ich Schmerzen vermute, teste ich erst, wenn das Tier entspannt ist und Vertrauen gefasst hat. Tiere können nicht wissen, warum wir bestimmte Bewegungen prüfen – deshalb ist ein ruhiges Vorgehen besonders wichtig.
DIE ERSTBEHANDLUNG
Die Behandlung richtet sich nach dem Beschwerdebild, dem Charakter des Tieres und dem, was es an diesem Tag zulässt. Manche Techniken sind sofort möglich, andere verschiebe ich auf Folgetermine, wenn das Tier noch Zeit braucht.
Ich arbeite ohne Zwang – mit klarer, freundlicher Einladung und viel Aufmerksamkeit für die Reaktionen des Tieres. Sicherheit steht immer an erster Stelle. Kontraindikationen wie z.B. ein sehr junges oder sehr hohes Alter werden selbstverständlich berücksichtigt, und im Zweifel gilt: Vorsicht vor Wagnis.
Gute anatomische Kenntnisse, Beobachtungsgabe und ein feines Gespür für das Tier sind die Grundlage jeder Behandlung
ABSCHLUSSBESPRECHUNG, WEITERES VORGEHEN
Am Ende des Termins entscheide ich je nach Zustand des Tieres, ob eine kurze Wiederholung bestimmter Bewegungen sinnvoll ist. Ist das Tier müde oder überfordert, beenden wir den Termin an dieser Stelle.
In der Abschlussbesprechung klären wir das weitere Vorgehen, Ziele, Hausaufgaben und den groben Rahmen für Folgetermine. Therapie ist ein Prozess – Übungen und Abstände können sich im Verlauf anpassen, je nachdem, wie sich das Tier entwickelt.
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