IST DAS NICHT ALLES IRGENDWIE ÄHNLICH?
Im Prinzip ja, ob ich nun Hund, Pferd oder Rind behandle – der grobe Ablauf der Ersttermine ist sehr ähnlich. Wer Physiotherapie für Menschen kennt, würde jetzt damit rechnen man kommt mit Rezept vom Tierarzt zu mir und ich behandle innerhalb der nächsten 20 Minuten. Sicherlich gibt es auch einige Kolleginnen und Kollegen, auch Tierarztpraxen und Kliniken, die so arbeiten, doch bei mir läuft es anders.
Tiere sagen nicht verbal „oh das tut gut“ oder „bisschen weiter links, bitte“ oder „das letzte Mal hat mir xy sehr gut geholfen. Das heißt aber auch nicht, um es mit den Worten von Paul Watzlawik – schließlich komme ich aus der Sozialen Arbeit – zu sagen: Man kann nicht nicht kommunizieren. Damit meine ich, das Tiere sehr wohl kommunizieren, aber über Körpersprache, indem sie sich anfassen lassen, versteifen, entspannen, entziehen, ablenken, zum Spiel auffordern.
Diese Körpersprache zu lesen und korrekt einzuschätzen ist für meinen Beruf, um ihn so achtsam, sanft und zwanglos wie möglich auszuführen enorm wichtig. Genau deshalb lasse ich mir besonders viel Zeit, um bereits beim ersten Termin so viel wie möglich vom Tier wahrnehmen und einordnen zu können. Zudem fördert meine ruhige Herangehensweise das Vertrauen des Tieres in mich, eine Investition in die Zukunft, damit weitere Behandlungen in Zukunft von Tier umso leichter aktzeptiert werden.
Was vielleicht erstmal klingt wie Tiere flüstern ist aber nicht ganz uneigennützig. Verscherze ich es mir mit dem Tier, verliere sein Vertrauen ehe ich es hatte oder verbindet das Tier mich mit Zwang oder gar Schmerzen – dann wird es umso schwieriger bis unmöglich das Tier in Zukunft in Ruhe behandeln zu können.
TRANSPARENZ, VERTRAUEN, QUALITÄTSMANAGEMENT
Doch der erste Termin zur Therapie beginnt schon vor dem Termin – bei der Auswahl des Terminzeitpunktes und beim Austausch mit dem Tierhalter/der Tierhalterin. Als Experten für die Vorlieben ihrer Tiere und weil sie ihren Alltag am besten kennen, müssen die Termine zu Zeiten vereinbart werden, in denen Tierhalter/Tierhalterinnen signalisieren „In dieser Zeit passt das für uns sehr gut, da ist eigentlich auch Ruhe, keine Fütterung und keine Spaziergangs- oder Trainingszeit. Denn wenn ich zur Vorstellung und zum Kennenlernen komme, das Tier aber in Erwartung an Futter, Spaziergang oder Training ist, dann wird es umso schwieriger es zu überzeugen mitzumachen.
Bei allem was ich tue, nehme ich den Tierhalter/die Tierhalterin mit, erkläre worauf ich achte und zeige bzw. verdeutliche wissenswerte Zusammenhänge. Dazu erkläre ich viel und nutze hin und wieder mein Tablet um Aufnahmen während Adspektion und Ganganalyse für die Tierhalter/innen in Zeitlupe abzuspielen. So kann ich bestimmte Gangbilder und Muster zeigen und ihnen verständlich machen, was ich sehe.
Einige Neukunden sind immer wieder erstaunt über dieses „Seminarpotential“ und zu Recht am Ende eines Termins fast genauso erschöpft wie ihre Tiere. Alles ist neu und der Input ist viel – dennoch sind sie am Ende alle dankbar und wöllten den neu gewonnenen Input nicht mehr missen. Für mich ist wichtig, das ich in meiner Arbeit für den Tierhalter/die Tierhalterin transparent bin, denn das schafft vertrauen und legt den Grundstein für eine gute Zusammenarbeit.
Zudem dienen die Videoaufnahmen der besseren Vergleichbarkeit, der Dokumentation von Therapie- und Entwicklungsprozessen der Tiere, welche ich so festhalten, protokollieren und analysieren kann. Im Sinne meines praxisinternen Qualitätsmanagements lassen sich dann auch Rückschlüsse auf die Effektivität meiner Behandlungen und Behandlungsmethoden ziehen. Nicht jedes Tier spricht auf alle Techniken gleich gut an, daher ist auch dieses Wissen für den weiteren Therapieprozess äußerst relevant.
DIE TIERPHYSIOTHERAPEUTISCHE ERSTUNTERSUCHUNG
Ob Hund, Pferd oder Rind beginnt jeder Ersttermin mit einem ausführlichen Gespräch zur Anamnese, d.h. Tierhalter/Tierhalterinnen erzählen mir von ihrem Tier, beantworten meine Fragen und wir klären sowohl ihre Erwartungen an mich als auch ihre Ziele für den weiteren Therapieverlauf. Ebenfalls gehört die Aufklärung über eine mögliche, völlig natürliche, Erstverschlimmerung mit dazu, wie auch die Erklärung meiner Arbeitsweise – was ich zu tun gedenke. Zuletzt auch die Zustimmung des Tierhalters/der Tierhalterin zur Behandlung ihres Tieres durch mich und die Klärung der Frage ob sie mit der Anwendung des Low-Level-Lasers einverstanden sind.
Auf das Gespräch, bei dem die Tiere mich schon in Ruhe beäugen und beschnuppern können, folgt die Adspektion. Das meint, das ich mir das vorgestellte Tier im Stand von allen Seiten anschaue. Dabei gehört für mich dazu, auch die Schleimhäute anzusehen und das Tier abzuhören. Ich höre auf die Lunge, das Herz und den Darm. Auf Wunsch oder bei Verdacht messe ich auch die rektale Körpertemperatur.
DIE GANGANALYSE/ DER ÜBUNGSPARCOURS
Anschließend folgt die Ganganalyse, wie bereits erwähnt fertige ich dabei Videoaufnahmen an, für eine möglichst ausführliche und detailierte Beobachtung. Der Halter/Die Halterin führt mir Ihr Tier vor – im Gehen und Stehen bleiben, in Bewegung in allen drei Gangarten und auf meinem kleinen Übungsparkours, für den ich meine Pylonen immer dabei habe. Allerdings schaue ich mir nur alle Gangarten an, wenn keine akute Beschwerde-/Lahmheit oder Bewegungsprobleme des Halters/der Halterin dagegen sprechen.
Mein Übungsparcours umfasst unter anderem rückwärts treten, um die Vorhand und um die Hinterhand wenden, Slalom, 8ten laufen, enge Zirkel auf beiden Händen mit dem Halter/der Halterin oder um diese/n herum. Abhängig von dem was ich vor Ort sehen kann und dem, was mir an Beschwerden bekannt ist, variiere ich meine Übungen – um mein Bild zu vervollständigen.
Der Unterschied zwischen Hund, Pferd und Rind ist, dass meine abgefragten Übungen variieren und beim Pferd noch die Bewegung an der Longe ebenfalls in allen drei Grundgangarten und auf beiden Händen mit hinzukommt. Beim Rind ist die Ganganalyse abhängig davon, wie führig das Rind ist.
DIE PALPATION/ DAS ABTASTEN
Es folgt die Palpation, das Abtasten des Tieres von Kopf bis Pfote oder von Kopf bis Huf. Wobei ich das Abstreichen des Körpers sehr langsam durchführe, sofern das Tier stillzuhalten bereit ist. Zuerst werden von mir die oberflächlichen Haut und Gewebsschichten getastet, auf Verhärtungen, Auffälligkeiten, Asymmetrien. Dann folgt die Palpation der tieferen Schichtung nach dem gleichen Suchprinzip.
Schließlich schließen sich die Testungen der einzelnen Gelenke an, wobei ich von unten beginne und immer dort zuletzt teste – wo ich tatsächlich Probleme vermute. Obwohl das vermutlich merkwürdig klingt ist das die wertvollste Methode, denn im Unterschied zum Menschen können wir dem Tier nicht sagen: „Wir schauen uns das jetzt an, das könnte kurz weh tun, aber dann löse ich das und es wird gut“.
Obwohl ich mit den Tieren spreche, damit sie meine Stimme und Tonlage wahrnehmen können, hat es sich für mich bisher als äußerst hilfreich erwiesen immer dort zu beginnen, wo es dem Tier nicht schmerzhaft ist. Merke ich beim Test Schmerzreaktionen so beende ich die Testung und führe sie erst an anderer Stelle durch. In dem gewonnenen Vertrauen, der Ruhe und Entspannung teste ich dann vorsichtig und aufmerksam dort, wo ich Blockaden und Schmerzen vermute.
DIE ERSTBEHANDLUNG
Die Therapie bzw. Behandlung beim Tier ist schwierig zu beschreiben, da sie je nach Beschwerdebild deutlich unterschiedlich ausfällt. Aber nicht nur das Beschwerdebild, auch der Charakter, die Stimmung und das Vertrauen des Tieres sind alles entscheidend. Lässt das Tier die Techniken, Griffe und Methoden zu oder müssen bestimmte Bereiche auf den Folgetermin verschoben werden? Wichtig ist mir, ohne Zwang zu arbeiten – mit freundlicher Einladung, sanftem Nachdruck zur Überzeugung aber nicht und niemals „Zack, jetzt halt still.“ Denn wenn das Tier dann eine falsche Bewegung macht, geht das mitunter böse aus. Entweder für das Tier oder für mich, vermutlich für uns beide.
Bei der Behandlung sind immer auch die Kontraindikationen zu beachten, das meint, das gewisse Therapieformen und Anwendungen für bestimmte Erkrankungen, Beschwerden oder körperliche Gegebenheiten nicht in Frage kommen und auf gar keinen Fall angewendet werden dürfen. Im Zweifel heißt es für mich daher immer Vorsicht statt Wagnis: „Finger weg“.
Auch hier ist wieder die Beobachtungsgabe, das Geschick und die Fähigkeit zu korrekten Einschätzung des Tieres immens wichtig. Nur damit und mit dem nötigen Spürsinn, lassen sich Therapien, Techniken, Kombinationen, Wirkungen und Anpassungsbedarfe rechtzeitig und situationsgerecht erkennen.
Neben Fingerspitzengefühl und Fingerfertigkeiten sind gute anatomische Kenntnisse eine weitere Grundvoraussetzung für die Physiotherapie mit dem Tier.
ABSCHLUSSBESPRECHUNG, WEITERES VORGEHEN
Je nachdem wie erschöpft das Tier zum Terminende ist entscheide ich spontan, ob eine erneute kurze Wiederholung bestimmter Gänge und Aufgaben machbar ist und aufgezeichnet werden soll. Auch hier gilt für mich Vorsicht – ist ein Tier nicht mehr in der Lage, sichtlich müde, „drüber“, kann körperlich, kognitiv oder emotional nicht mehr – spätestens dann ist für das Tier Schluss.
Im Anschluss an die Behandlung folgt die Besprechung mit dem Tierhalter/der Tierhalterin über das weitere Vorgehen, Zielbestimmung, Hausaufgaben und die Besprechung von Abstand und Anzahl der Folgetermine. Diese können sich zwar nochmal ändern, da Therapie ein Prozess ist, passe ich je nach Entwicklung bei den Folgeterminen gerne einige Übungen und Hausaufgaben an – aber es ist wichtig für alle, zumindest einen groben Rahmen zu haben.
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