Das Darmmikrobiom ist ein komplexes Ökosystem aus Billionen von Mikroorganismen, das eine zentrale Rolle für die Gesundheit spielt. Es beeinflusst nicht nur die Verdauung, sondern auch das Immunsystem, das Verhalten und viele andere physiologische Prozesse. Obwohl Mensch, Hund und Pferd unterschiedliche Verdauungssysteme haben, teilen sie sich viele Gemeinsamkeiten in ihrer Mikrobiomzusammensetzung.
In diesem Artikel schauen wir auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Darmmikrobiome von Hund, Pferd und Mensch.
🧪 Was ist das Mikrobiom?
Das Mikrobiom umfasst die Gesamtheit der Mikroorganismen, die einen Organismus besiedeln. Im Darm befinden sich Billionen von Bakterien, Pilzen, Viren und Archaeen, die in Symbiose mit ihrem Wirt leben. Sie sind entscheidend für die Verdauung, die Synthese von Vitaminen, die Immunabwehr und die Kommunikation mit dem Gehirn.
🐕 Hund: Der Allesfresser mit flexibler Mikrobiomstruktur
- Verdauungssystem: Hunde sind Monogastrier mit einem einfachen Magen und einem relativ kurzen Verdauungstrakt.
- Mikrobiomzusammensetzung: Hunde besitzen eine vielfältige Mikrobiota, die Bakterien wie Firmicutes, Bacteroidetes und Proteobacteria umfasst. Ihre Mikrobiomzusammensetzung ähnelt der des Menschen
- Einflüsse auf das Mikrobiom: Ernährung, Alter, Antibiotikagabe und Umweltfaktoren beeinflussen die Mikrobiomzusammensetzung bei Hunden erheblich.
- Praktische Hinweise: Eine ausgewogene Ernährung, die reich an Ballaststoffen ist, fördert ein gesundes Mikrobiom. Die Verwendung von Pro- und Präbiotika kann unterstützend wirken, sollte jedoch in Absprache mit einem Tierarzt erfolgen.
🐶 Entwicklung des Darmmikrobioms beim Welpen
- 1. Welpen werden nahezu steril geboren. Die erste bakterielle Besiedlung erfolgt über den Geburtskanal (vaginale Geburt) sowie über das Lecken der Hündin. Welpen übernehmen ihre Mikrobiota hauptsächlich über Kontakt mit der Mutter und der Umgebung. Bei natürlicher Geburt dominieren Lactobacillus, Bifidobacterium und Enterococcus. Bei Kaiserschnitt-Welpen finden sich mehr Staphylococcus und Corynebacterium – also Hautkeime – was die spätere Mikrobiomentwicklung verzögern kann
- 2. Muttermilch enthält: lebende Bakterien (z. B. Lactobacillus johnsonii, Enterococcus faecium), Präbiotische Oligosaccharide, die Wachstum „guter“ Darmbakterien fördern und Immunglobuline (IgA), die pathogene Keime neutralisieren. Früh verwaiste/künstlich aufgezogene Welpen haben oft Defizite, denn die Milch legt die Basis für ein stabiles, abwehrstarkes Mikrobiom.
- 3. Ab der 3.–4. Lebenswoche, mit Beginn des Zufütterns, verändert sich das Mikrobiom stark. Firmicutes und Bacteroidetes nehmen zu. Der pH-Wert im Darm sinkt leicht, was pathogene Keime hemmt. Welpen, die abwechslungsreich, aber nicht abrupt gefüttert werden, entwickeln ein robustes Mikrobiom und seltener Durchfälle. Mit etwa 8–10 Wochen ähnelt das Mikrobiom dann dem eines erwachsenen Hundes – ist aber empfindlicher gegenüber Futterumstellungen.
⚠️ Bedeutung für Haltung und Management
- Antibiotikaeinsatz in der Welpenzeit kann zu langfristigen Dysbiosen führen.
- Übertriebene Hygiene in der Aufzuchtumgebung (z. B. Desinfektionswahn) verringert die Exposition gegenüber Umweltkeimen – und kann das Immunsystem „unterfordern“.
- Kontakt zu Artgenossen und Umwelt (z. B. Garten, Erde, andere Tiere) wirkt sich positiv auf die Mikrobiomdiversität aus – ähnlich wie bei Kindern, die „auf dem Land“ aufwachsen.
- Die Art der Ernährung (z. B. BARF vs. kommerzielles Futter) beeinflusst die Mikrobiota von Hunden signifikant. Eine ausgewogene Ernährung fördert eine gesunde Mikrobiota.
- Prä- und Probiotika: Die Anwendung von Prä- und Probiotika kann bei Hunden mit gastrointestinalen Beschwerden unterstützend wirken. Es ist jedoch wichtig, die richtige Dosierung und den passenden Stamm zu wählen.
🐎 Pferd: Der spezialisierte Grasfresser mit komplexem Mikrobiom
- Verdauungssystem: Pferde sind ebenfalls Monogastrier, jedoch mit einem hochentwickelten Blinddarm und einem langen Dickdarm, in dem die Fermentation von Ballaststoffen stattfindet.
- Mikrobiomzusammensetzung: Das Pferdemikrobiom ist besonders reich an Bakterien, die Zellulose abbauen können, wie z. B. Firmicutes und Bacteroidetes. Diese Bakterien sind entscheidend für die Verdauung von Rohfasern.
- Einflüsse auf das Mikrobiom: Fütterung (z. B. Heu vs. Kraftfutter), Stress, Medikamentengabe und Umweltfaktoren können das Mikrobiom des Pferdes beeinflussen.
- Praktische Hinweise: Eine rohfaserreiche Ernährung ist essenziell. Veränderungen in der Fütterung sollten schrittweise erfolgen, um das Mikrobiom nicht zu destabilisieren. Bei Anzeichen von Verdauungsstörungen oder Koliken sollte umgehend ein Tierarzt konsultiert werden.
🧬 Kolonisation des Darmmikrobioms beim Fohlen
- 1. Das Fohlen kommt (fast) steril zur Welt. Erste Bakterien stammen aus dem Geburtskanal der Stute, der Haut, der Umgebung. Muttermilch liefert neben Nährstoffen präbiotische Oligosaccharide und immunaktive Komponenten, die das Wachstum bestimmter Bakterien (v. a. Bifidobacterium, Lactobacillus) fördern.
- 2. „Coprophagie“ – das bewusste Fressen von Kot. Etwa ab dem 2.–5. Lebenstag beginnen Fohlen, Kot der Mutterstute zu fressen. So gelangen sie an eine Vielzahl Bakterienstämme, die für die spätere Fermentationsverdauung entscheidend sind. Die mikrobielle Zusammensetzung des Fohlendarms ähnelt nach dieser Phase zunehmend der der Mutter. → Ohne diesen „natürlichen Impuls“ kann die Ausbildung einer stabilen Darmflora verzögert bis fehlerhaft verlaufen.
- 3. Mit dem ersten Grasen und Schlecken von Erde nimmt das Fohlen weitere Umweltmikroben auf. Diese tragen zur Diversität des Mikrobioms bei. Besonders bodenassoziierte Mikroorganismen (z. B. Clostridien, Bacillus, Bacteroidetes) sind wichtig. In den ersten 6–12 Wochen pendelt sich die Zusammensetzung ein. Fressen Fohlen regelmäßig Heu und Gras, beginnt die Anpassung an die Faserverdauung.
⚠️ Bedeutung für Haltung und Management
- Fohlen ohne Zugang zu Kot der Mutter oder ohne frühzeitige Umweltkontakte zeigen oft verzögerte Entwicklung der Darmflora und schwächere Immunparameter.
- Zu sterile Fohlenaufzucht (z. B. auf Gummiböden, ohne Zugang zu Erde, Mutter, Weidekontakt) kann die Mikrobiomentwicklung erheblich beeinträchtigen.
- Antibiotikaeinsatz in den ersten Wochen kann langfristig die Zusammensetzung verändern und das Risiko für Koliken oder Dysbiosen erhöhen.
- Prä- und Probiotika: Der Einsatz von Prä- und Probiotika bei Pferden kann bei bestimmten Gesundheitsproblemen hilfreich sein, sollte jedoch unter veterinärmedizinischer Aufsicht erfolgen.
👤 Mensch: Der Allesesser mit komplexer Mikrobiomlandschaft
- Verdauungssystem: Menschen sind Monogastrier mit einem Magen und einem komplexen Dünn- und Dickdarm.
- Mikrobiomzusammensetzung: Das menschliche Mikrobiom ist äußerst vielfältig und umfasst Bakterien wie Firmicutes, Bacteroidetes, Actinobacteria und Proteobacteria. Es variiert stark zwischen Individuen und wird durch Ernährung, Antibiotikagabe, Alter und Umweltfaktoren beeinflusst.
- Einflüsse auf das Mikrobiom: Eine westliche Ernährung, die reich an Zucker und Fett ist, kann das Mikrobiom negativ beeinflussen und mit Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes und entzündlichen Darmerkrankungen in Verbindung stehen.
- Praktische Hinweise: Eine ballaststoffreiche Ernährung, die den Verzehr von Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und fermentierten Lebensmitteln umfasst, fördert ein gesundes Mikrobiom. Der gezielte Einsatz von Pro- und Präbiotika kann unterstützend wirken.
👶 Entwicklung des Darmmikrobioms beim Säugling (Mensch)
- 1. Der Darm des Neugeborenen ist zunächst fast steril. Neugeborene, die vaginal zur Welt kommen, übernehmen einen Großteil ihrer Mikrobiota von der Mutter, insbesondere aus dem Vaginaltrakt. Bei Kaiserschnittgeburten erfolgt die Mikrobiota-Übertragung primär über die Haut und Umgebung.
- 2. Stillen vs. Flaschennahrung. Muttermilch enthält bis zu 800 verschiedene Bakterienarten! Die wichtigsten: Bifidobacterium longum, Lactobacillus fermentum, Enterococcus faecalis. Zudem Muttermilch-Oligosaccharide (HMOs) – unverdauliche Zucker, die selektiv „gute“ Bakterien nähren. So entsteht das „klassische“ Säuglingsmikrobiom: dominiert von Bifidobakterien, die den Darm ansäuern und Krankheitserreger verdrängen. Stillkinder erhalten so Nährstoffe und präbiotische Substanzen, die das Wachstum von nützlichen Bakterien fördern. Flaschennahrung ersetzt dies nicht vollständig.
- 3. Ab dem Beikostalter (etwa 6 Monate) verändern sich die Verhältnisse deutlich: Bis zum Alter von 2–3 Jahren gleicht das kindliche Mikrobiom dem eines Erwachsenen – stabil, aber weiterhin formbar.
⚠️ Bedeutung für Ernährung und Management
- Antibiotika in den ersten Lebensmonaten verändern das Mikrobiom oft dauerhaft.
- Kaiserschnitt, sterile Umgebung und fehlendes Stillen werden mit Allergien, Asthma und Autoimmunerkrankungen assoziiert („Hygienehypothese“).
- Kontakt zu Tieren und natürlicher Umgebung unterstützt dagegen eine gesunde mikrobiologische Reifung.
- Prä- und Probiotika: Die Gabe von Prä- und Probiotika kann die Mikrobiota positiv beeinflussen, insbesondere bei Säuglingen mit erhöhtem Risiko für Allergien oder gastrointestinalen Erkrankungen.
🧪 Prä- und Probiotika: Einsatz und Einfluss
| Präbiotika | Mensch | Hund | Pferd |
|---|---|---|---|
| Präbiotika: Nicht verdauliche Nahrungsbestandteile, die das Wachstum von nützlichen Bakterien im Darm fördern. Beispiele sind Ballaststoffe wie Inulin und Fructo-Oligosaccharide. | fördern nützliche Darmbakterien; z. B. Inulin, FOS, GOS, resistente Stärke; unterstützen Darmgesundheit, Immunsystem und Barrierefunktion – gut untersucht, viele klinische Studien zu Darmgesundheit, Durchfall, Immunmodulation. | fördern nützliche Darmbakterien; können die Verdauung stabilisieren, Immunfunktion unterstützen FOS, MOS, Inulin – Studien zeigen positiven Einfluss auf Lactobacillus spp. und Enterococcus spp.; insbesondere bei Welpen und nach Antibiotika-Einsatz untersucht. | Unterstützen gesunde Mikrobiota, Verdauung und Immunsystem; Einfluss auf Übergang von Milch zu fester Nahrung. FOS, MOS, beta-Glucane – Studien an Fohlen und Erwachsenen zeigen verbesserte Fermentation und Unterstützung der Mikrobiota. |
| Probiotika | Mensch | Hund | Pferd |
|---|---|---|---|
| Probiotika: Lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge gesundheitliche Vorteile bieten. Häufig verwendete Stämme sind Lactobacillus, Bifidobacterium und Saccharomyces boulardii. | häufig: Lactobacillus, Bifidobacterium, Saccharomyces boulardii. Lactobacillus rhamnosus, L. acidophilus, Bifidobacterium bifidum, Saccharomyces boulardii – sehr gut erforscht, zahlreiche RCTs | können bei gastrointestinalen Problemen helfen, z. B. nach Antibiotika; ausgewählte Stämme wichtig. Lactobacillus acidophilus, Enterococcus faecium, Bifidobacterium animalis – solide Studienlage, besonders bei gastrointestinalen Problemen, Stress oder nach Antibiotika | unterstützen Darmgesundheit, Verdauung und Immunsystem; Einsatz unter veterinärmedizinischer Aufsicht. Lactobacillus spp., Enterococcus faecium, Saccharomyces cerevisiae boulardii – Studienlage klein, aber solide; besonders bei Koliken, Durchfall und Dysbiose. |
🧪 Syn- und Postbiotika: Einsatz und Einfluss
| Synbiotika | Mensch | Hund | Pferd |
|---|---|---|---|
| Synbiotika: Kombination aus Prä- und Probiotika, die synergistisch wirken, um die Gesundheit des Wirts zu fördern | synergistische Effekte auf Mikrobiom und Immunsystem, Kombination von Prä- und Probiotika → Synergieeffekte gut belegt beim Menschen | positive Effekte auf Darmmikrobiota und Gesundheit. Bei Hunden und Pferden zunehmend untersucht, z. B. für Verdauung und Immunabwehr | unterstützt Verdauung, Mikrobiom und Immunabwehr. Bei Hunden und Pferden zunehmend untersucht, z. B. für Verdauung und Immunabwehr |
| Postbiotika | Mensch | Hund | Pferd |
|---|---|---|---|
| Postbiotika: Nicht lebende Mikrobiota-Produkte oder deren Metaboliten, die gesundheitliche Vorteile für den Wirt bieten. | entzündungshemmend, antibakteriell, stabilisieren Darmbarriere. SCFA (Butyrat, Propionat, Acetat), bakterielle Metabolite, Enzyme → gut untersucht beim Menschen | entzündungshemmend, antibakteriell, unterstützt Mikrobiota-Gleichgewicht, bei Hund und Pferd erste Hinweise aus Tierstudien, v. a. entzündungshemmend und immunmodulierend | Forschung begrenzt; erste Hinweise auf entzündungshemmende und gesundheitsfördernde Effekte, bei Hund und Pferd erste Hinweise aus Tierstudien, v. a. entzündungshemmend und immunmodulierend |
🧠 Fazit
Das Mikrobiom spielt eine zentrale Rolle für die Gesundheit von Mensch, Hund und Pferd. Obwohl es Unterschiede in der Mikrobiomzusammensetzung gibt, teilen diese Spezies viele Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Bedeutung des Mikrobioms für die Gesundheit. Ein ausgewogenes Mikrobiom kann durch eine artgerechte Ernährung, die Vermeidung von unnötigen Medikamenten und Stressmanagement gefördert werden.
Wichtig ist, das das Feld Mikrobiom und Mikrobiomforschung noch lange nicht so umfassend erschlossen ist, d.h. je nach Forschungslage und Entdeckung sind Erkenntnisse durchaus noch variabel.
Ausblick
In Punkto Prä-/Pro-/Syn- und Postbiotika ist jedoch noch einiges an Forschung nötig, besonders im Pferdebereich, zumal aktuell -artenübergreifend – davon ausgegangen wird, das über die Forschung bisher nur ein kleiner Teil der in den Därmen lebender Mikroorganismen entdeckt und erfasst werden konnte. Es bleibt also noch einiges offen und erklärt, weshalb die Gabe eines Präparates noch keine 100% Genesung herbeiführen wird.
📚 Studien / Quellen [Ein-/Ausblenden]
Domínguez-Bello et al., 2010
„Delivery mode shapes the acquisition and structure of the initial microbiota across multiple body habitats in newborns“
DOI: 10.1073/pnas.1002601107
Putignani et al., 2010
„Additional maternal and nonmaternal factors contribute to the acquisition and structure of the initial microbiota“
DOI: 10.1073/pnas.1010526107
Guard et al., 2017
„Characterization of the fecal microbiome during neonatal and early pediatric development in puppies“
DOI: 10.1371/journal.pone.0175718
Yang et al., 2023
„Gut probiotics and health of dogs and cats: Benefits, applications, and underlying mechanisms“
DOI: 10.3390/microorganisms12061080
Whittemore et al., 2021
„Effects of synbiotics on the fecal microbiome and metabolomic profiles of healthy research dogs administered antibiotics: A randomized, controlled trial“
DOI: 10.3389/fvets.2021.665713
Husso et al., 2020
„The composition of the perinatal intestinal microbiota in horses“
DOI: 10.1038/s41598-019-57003-8
Schoster et al., 2014
„Probiotic use in horses – what is the evidence for their efficacy?“
DOI: 10.1111/jvim.12451
Swanson et al., 2020
„The International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics (ISAPP) consensus statement on the definition and scope of synbiotics“
DOI: 10.1038/s41575-020-00313-6
Schreib mir Deine Fragen, Kommentare zu meinen Beiträgen und folge mir gerne auf Facebook, Instagram und Youtube.
Schau auch gerne in unserem Beitrag zur Stoffwechsel vorbei.



