Schaust Du mal bitte, ich weiß nicht so richtig – aber irgendwie läuft der nicht richtig, oder? Ein Spruch den viele Pferdehalterinnen aus ihrem Stall oder auch von sich selbst kennen. Beim Hundehalter kommt das seltener vor, dennoch, wenn – dann ist es meistens ähnlich: Jeder, der gerade greifbar ist schaut mal – die Meinungen wo es hängt, zieht oder klemmt klaffen mitunter weit auseinander, doch in einer Sache sind sich dann doch irgendwie alle einig: „Keine Ahnung, aber vom Gefühl her stimmt da was nicht.“
Tiere sind Meister der Kompensation
Was ich jetzt sage wird wohl einige überraschen, denn meistens ist das „bisschen“, dieses unklare Laufen, takten oder fühlig gehen eben NICHT der Beginn eines Problems sondern der Wendepunkt an dem der Schmerz zu groß, das Problem zu störend wird. Lasst es mich so sagen, in der Natur ist jedes Tier das Schwäche zeigt tendenziell von niedrigerem Rang oder wird sogar durch den gekonnten Blick eines Raubtieres als „easy Beute“ erkannt und erbeutet. Nun könnte man beim Hund sagen naja, der Wolf ist ja der Räuber. Stimmt, doch derjeniger der im Rudel am unteren Ende steht, bekommt von dem erbeuteten Tier auch nur noch das, was die anderen höheren Tiere ihm überlassen. Wer also im Rudel Rang hält, der hat auch bessere Chancen auf ausreichend Futter.
Auch wenn unsere Tiere heute anders Leben, Vorfahren und Urwurzeln bleiben erhalten und auch wir Menschen haben mit dem Affen noch mehr gemein als uns vielleicht lieb ist. Fakt ist, für die Urahnen unserer Tiere – ob Pferde, Hunde, Rinder – war es überlebenswichtig keine Schwäche zu zeigen. Dazu hat der Körper gelernt nahezu unsichtbar zu kompensieren, was soviel heißt wie, wenn eine Struktur ihre physiologische Arbeit nicht leisten kann, übernehmen andere Strukturen deren Aufgabe zum Teil oder sogar ganz. Und zwar so, das es für das ungeschulte Auge mit wenig Erfahrung in Gang- und Bewegungsanalyse nahezu unmöglich ist zu erkennen, das bereits eine Kompensation vorliegt.
Kompensation funktioniert nur vorübergehend
Es ist ein genialer Einfall des Körpers durch Kompensation die geschädigten oder schmerzenden Strukturen zu entlasten und somit deren Heilungschancen zu erhöhen oder zumindest weiterer Abnutzung vorzubeugen. Allerdings sind die kompensierenden, also übernehmenden, Strukturen eigentlich nicht dazu ausgelegt diese Mehrarbeit über längere Zeit zu leisten. Was nun irgendwann beginnt ist eine Überlastung eben dieser Strukturen und genau das ist der Moment, wo die meisten Menschen anfangen zu sehen „oh halt, da stimmt doch irgendwas nicht.“
Problematisch ist, das beim Tier nun schon mehrere Strukturen vorliegen, die ihm Probleme ggf. sogar Schmerzen machen: Die ursprüngliche Problematik, die zu einer Kompensation führte und die nun durch Kompensation an anderen Strukturen entstandene Problematik von Überlastung und Abnutzung.
Hinten oder Vorne? Mensch, wo lahmt das Tier denn?
Spätestens jetzt wird es bei vielen Lesenden „Klick“ machen, denn genau der oben genannte Punkt erklärt auch, weshalb im Stall und selbst von Fachleuten, die unterschiedlichsten Meinungen zu einer Taktunreinheit, Fühligkeit oder Lahmheit zusammen kommen. Man testet dort und klopft da, mal ist es mehr dort und mal ganz wo anders schmerzempfindlich. Dem Tierhalter drängt sich die Frage auf, was die heutigen Tierärzte, Fachkräfte, Tierphysios und co. eigentlich noch so drauf haben.
Währenddessen haben sie das Gefühl im Dunkeln zu Tappen und hoffen – mal mehr, mal weniger – endlich den einen Sherlock Holmes in der Tierwelt ausfindig zu machen, welcher wohl endlich mal in der Lage sein müsste, die richtigen Schlüsse aus seiner Analyse zu ziehen und eine funktionierende Lösung anbieten zu können. Und ja es stimmt, eine gut ausgebildete Fachperson sollte tatsächlich in der Lage sein, die betroffenen Strukturen einzugrenzen und somit dem Tierarzt wertvolle Hinweise zur weiteren Befundung/ Diagnostik liefern. Das ist zumindest mein Ansatz.
Jedoch, dem Prinzip „Henne – Ei“ entsprechend ist es nicht immer möglich zu sagen ob es nun vorne oder hinten begonnen hat – denn die Schwere eines Schadens sagt leider nichts darüber aus, ob er auch die grundlegende Ursache gewesen ist. Im Gegenteil meiner Erfahrung nach liegt die Ursache meistens eher diagonal davon und der Schaden ist das Ergebnis einer langen, unbemerkten Kompensation.
Anzeichen, die uns Anhaltspunkte geben
Lassen wir mal außer Acht, woher das Problem gekommen ist und denken wir mal therapeutisch, denn neben der Ursachenforschung ist das aktuelle Bild wichtig, um Wohlbefinden zu erhalten und die Schritte zur Genesung zu fördern. Es geht unter anderem darum zu erkennen, wo das Tier aktuell „am meisten“ Schmerzen oder Probleme hat, um diese sanft zu unterstützen.
Hierbei gilt es zu unterscheiden, welche Strukturen betroffen sind – den dementsprechend wir entweder von einer Hangbein- oder einer Stützbeinlahmheit gesprochen. Das ist tatsächlich von enormer Bedeutung, auch wenn es sich für den Laien erstmal anhört als würden Mediziner sich mit Begrifflichkeiten aufhalten. Wichtig ist, das in einigen Fällen auch beide Formen zusammen vorliegen können. Lasst uns einmal beides anschauen:
Stützbeinlahmheit
Bei einer Stützbeinlahmheit liegt das Problem in den anatomischen Strukturen, die im Last aufnehmen auf einer Gliedmaße [also im stützenden Bein] gefragt sind – das sind meist Knochen, Gelenke, Knorpel, aber auch Muskulatur, welche statische und stabilitätgebende Aufgaben leistet. Beim Pferd gehören dazu auch Probleme im Bereich der Hufkapsel, des Hufhorns. Meistens liegt die Ursache eher in den unteren und mittleren Abschnitten der Gliedmaße.
Symptomatisch für eine Stützbeinlahmheit ist das „Fallen“ [vermehrte Lasten auf ein Bein und bei der Vorhand dabei den Kopf zum Boden nicken] auf eine Gliedmaße. Bei der Vorhand nickt der Kopf meist mit, bei der Hinterhand kann das Becken mitkippen, meist zeigt der Schweif/die Rute auf die entgegengesetzte Seite. Symptomatisch ist ebenfalls, das sich die Stützbeinlahmheit vermehrt auf hartem Boden zeigt.
Da ich es immer mal wieder falsch lese, möchte ich hier einmal ergänzen: Das Bein, auf das sie fallen, ist in 98% der Fälle nicht das Bein, welches das Problem hat sondern das kompensierende Bein, welches die Lastaufnahme übernimmt – also schaut, welches Bein in diesen Momenten des „Fallens“ am wenigsten belastet wird.
Häufig zu beobachten und meist der Stützbeinlahmheit zugeordnet ist das ungleichmäßige Unter- oder Vorfußen der Hinter- und Vordergliedmaßen. Hier gilt allerdings zu beachten, ein Bein kann kürzer geführt und schneller wieder abgesetzt werden, um schneller wieder Last auf diesem aufzunehmen bzw. das andere Bein dadurch schneller wieder zu entlasten – das wäre eher typisch für eine Stützbeinlahmheit. Das führt eher zu kürzeren und leicht tribbelnden Schritten.
Es kann aber auch so sein, das ein Bein weiter nach vorne geführt wird als das andere. Da die stützende/stehende Gliedmaße so deutlich länger belastet wird, wird häufig diskutiert, ob das weiter vorgeschwungene Bein Probleme in der Stützbeinphase hat und durch das weiter Vorschwingen die Belastungszeit verkürzt wird. Wichtig ist aber, das sich wenn dem so wäre auch eine Abflachung des Vorführbogens der anderen Seite zeigen müsste – welche anzeigt „Ich muss schneller auf das Bein kommen“. Ist dem nicht so oder ist die Problematik sogar auf weichem Boden stärker zu sehen, dann ist eher von einer Hangbeinlahmheit auszugehen.
Hangbeinlahmheit
Bei einer Hangbeinlahmheit liegt das Problem in den anatomischen Strukturen, die Bewegung ausführen und weitergeben – das sind meist Muskeln, zum Teil auch Gelenke wie etwa das ISG/SIG und weitere Gelenkungen zwischen den Wirbeln der Wirbelsäule, Schultergelenk, Ellbogengelenk, Hüftgelenk und nicht zu vergessen der Übergangsbereich von Lende zu Brust, Brust zu Hals und Hals zu Kopf, selbst Probleme in den Ruten-/Schweifwirbeln sowie Faszienverklebungen oder Muskelhartspann. Eine Athrophie – also der abgebaute/ fehlende Muskel – führt selbst nicht zur Lahmheit, sondern die kompensierende Muskulatur, welche die Aufgaben nun zu übernehmen versucht und damit überfordert ist. Häufig liegt die Ursache einer Hangbeinlahmheit eher nah am Pferdekörper, am oberen Teil der Gliedmaßen, im Rumpf, Schulter, Kruppe oder Hals.
Eine Hangbeinlahmheit zu erkennen ist schwieriger, als eine Stützbeinlahmheit zu sehen, da hier kein deutliches Ticken zu sehen ist. Ein guter Hinweis ist jedoch die Verschlechterung auf weichem Boden. Symptome einer Hangbeinlahmheit können z.B. das schnelle Absetzen oder kürzere Vorführen einer Gliedmaße sein, das Wechseln in eine andere Gangart, fehlendes Abrollen, Zehenschleifen, Schwungverlust, Tempoprobleme, …
Ist der Vorführbogen einer Gliedmaße deutlich abgeflacht während das andere Bein jedoch nicht schneller oder flacher aufgesetzt wird, dann liegt das meist eher an einer funktionellen Störung, an einer Störung der Bewegungsfähigkeit – die entweder durch Schmerzen oder Blockaden in Muskeln oder Gelenken eingeschränkt ist. Zudem können sich Twists zeigen, d.h. das die Schulter oder die Kruppe mit Schwung über die Rückenmuskulatur vorgesetzt wird – treten diese
Ruhe und Nahrungsergänzung oder lieber in die Klinik?
Was jetzt kommt, möchtest Du nicht hören, weil es anders doch so viel einfacher und hoffnungsvoller wäre: Keine Nahrungsergänzung der Welt heilt Lahmheiten. Das ist Fakt. Nahrungsergänzung kann dem Körper zusätzliche Baustoffe liefern, wenn sie ihm fehlen und er sie überhaupt aufnehmen und verwerten kann – dann kann der Körper diese Bausteine dazu nutzen seine Substanzen zu kitten, zu sanieren. ABER, der Körper entscheidet ob er das tut und ob er das kann. Es ist nicht so, das wir eine Nahrungsergänzung füttern und dann sagen können, yeah die hat mein Pferd geheilt. Nein, das Pferd hat sich selbst geheilt und die Zugabe der Nahrungsergänzung hat ihren Beitrag geleistet, ebenso wie moderate Bewegung, Physiotherapie, Osteopathie und Ruhe.
Okay, aber Ruhe ist doch meistens eine gute Idee und erstmal abwarten, die Klinik ist so teuer… Auch jetzt sage ich Dir etwas, dass Du oder dein Geldbeutel nicht hören wollen: Verschlechtert sich die Problematik innerhalb der nächsten Tage so weit, dass dein Tier noch weniger transportfähig ist, als jetzt schon, dann wird es richtig blöd. Lass mich Dir eine Empfehlung an die Hand geben: Hast du den Eindruck es liegt eine Stützbein- oder gemischte Lahmheit vor, dann fahr direkt in die Klinik. Frage nicht nach dem Grad der Lahmheit und lass Dich nicht mit Aussagen wie, „ach warte doch nochmal“, „vielleicht ist es halb so wild.“ durcheinander machen. Egal wie wild oder nicht, bei einer Stützbeinlahmheit klärst Du das sicherheitshalber schnellstmöglich in der Klinik ab und falls die Klinik Entwarnung gibt, dann war es nicht umsonst sondern Sicherheit für Dich und Dein Tier.
Bei einer Hangbeinlahmheit solltest Du nach der Schmerzhaftigkeit schauen. Sehr schmerzhaft – ab in die Klinik. Kaum schmerzhaft, keine oder geringe Schwellungen – dann 2-3 Tage Ruhe, Schwellungen kühlen und für moderate Bewegung sorgen. Ggf. ist dein Tierphysio, deine Tierostheo auch für einen Notfalltermin greifbar. Wird es nach 2-3 Tagen nicht besser, verschlechtert sich das Problem rapide oder ist moderate Bewegung nicht mehr möglich, dann fahr in die Klinik. Frag nicht Facebook, ruf nicht 5 Freunde an, was sie machen würden und wenn Dein Tierarzt sagt, „wir könnten Schmerzmittel geben“, dann überlege Dir, ob du von einer Fachklinik eine Zweitmeinung zur Ursachenforschung willst. Das wird er Dir nicht übel nehmen, aber es liegt eben nicht in seinen Möglichkeiten, es selbst zu tun.
Blick schulen, ist das eine Option?
Definitiv ja. Wer schon mehrfach in einer Klinik war weiß, dass hier die Tierärzte ganz andere Dinge über das Gangbild sagen und ableiten, als der Tierarzt zuhause. Das hat den Hintergrund, dass sie es regelmäßig am Tag machen und immer wieder ihren Blick schulen und trainieren. Sie haben viel mehr Vergleichsbilder im Kopf und können meist schon aus dem Bauchgefühl heraus das betroffene Bein ausfindig machen – weil ihr Blick schon analysiert, der Kopf vergleicht und Informationen verarbeitet, während sie dem Halter noch erklären wie sie das Tier bitte korrekt vorlaufen sollen.
Damit aber auch Hunde- und Pferdehalter selbst lernen können, worauf sie achten und woran sie Probleme erkennen können, habe ich die Blickschule entwickelt. Es geht mir darum, dass Tierhalterinnen noch bevor es sichtbare Probleme durch die Kompensation gibt, die scheinbar „unsichtbare“ Kompensation erkennen/ sehen lernen. Das braucht Anleitung, Geduld und Training – aber man kann es lernen. Informiere Dich gerne auf der Kursseite über mein Angebot:
MÖCHTEST DU MEHR INPUT?
Wenn du mehr über meine Arbeitsweise, Therapieformen oder Unterschiede zwischen physiotherapeutischen und osteopathischen Ansätzen erfahren möchtest, findest du im Blog weitere Beiträge. Sie geben dir einen Einblick in meine Haltung, meine Methoden und die Vielfalt der tiertherapeutischen Möglichkeiten. Ich lade dich ein, Fragen zu stellen, Erfahrungen zu teilen oder Themenwünsche einzubringen. Austausch schafft Verständnis – und Verständnis schafft Sicherheit für dein Tier.
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