Immer wieder in der Praxis zu hören, von Fachleuten diskutiert und von Youtube, Insta & Co. thematisiert die Trageschwäche oder Trageerschöpfung. Was erstmal nach einem Krankheitsbild, einer Erkrankung, einem Syndrom oder zumindest etwas klingt, das die Lösung auf die vorliegenden Probleme zu sein scheint. Aber Vorsicht, denn eigentlich ist Trageschwäche oder Trageerschöpfung weder noch, es ist ein Symptomkomplex. Der Weg zur Ausprägung der Symptomatik kann sehr unterschiedlich sein und von vielen verschiedenen Ursachen geprägt werden. Das Gute ist, das sich die Symptome oft lindern lassen. Das Blöde ist wiederum, das die Pferde mit eben jenem Symptomkomplex ihre Beschwerden erst dann los werden, wenn auch die Ursachen gesucht, gefunden und abgestellt werden. Ist dies nicht der Fall, dann wird immer und immer wieder behandelt, doch die Beschwerden verschwinden nie vollständig. Aber noch einmal von Vorne:
Trageschwäche, Übergewicht, Dysfunktion
Der Begriff der Trageerschöpfung und Trageschwäche wird häufig als einheitlich verstanden, einige Personen beschreiben mit beiden unterschiedliche Ausprägungsstadien, aber grob lässt sich zusammenfassen, dass diese Begriffe häufig einen systemischen Funktionsverlust im Rumpftrageapparat beschreiben. Sichtbare Veränderungen in der Körperhaltung sind häufig und zeigen die Veränderungen, die im Bewegungsapparat vor sich gehen. Die Unfähigkeit den Brustkorb aktiv und kontrolliert zwischen den Schultergliedmaßen zu stabilisieren ist zudem ein echtes Problem.
Komplexe Bewegungsapparat-Störung
Es geht nicht um eine rein muskuläre Schwäche, auch wenn diese je nach Ausprägung sehr wohl zu beobachten ist, sondern um eine komplexe Störung im Zusammenspiel von Nerven, Muskeln, Faszien und Gelenkmechanik. Anders gesagt liegt ein biomechanisches und neurofunktionales Ungleichgewicht vor, welches sich über Kompensationen über Monate bis Jahre verfestigt hat und weiter verfestigen kann. Das Ergebnis: Rumpf, Hals und Beine arbeiten nicht mehr als funktionelle Einheit zusammen und geraten mehr und mehr in Schieflage.
Erkennungsmerkmale
- Übergewicht fördert Überlastung, ist aber nie die alleinige Ursache
- gekippte Kruppe
- angespannte bis aufgewölbte Lendenpartie
- Tendenz zum Axthieb
- deutlich vorgeschobene/hängende Brust [wird von Haltern gerne mit Muskulatur verwechselt]
- rückständige Vorhand
- unterständige Hinterhand
- Atrophie der Muskulatur im Bereich Schulter & Rücken
- deutlicher Knick hinter den Ohren
Dysfunktion & ihre Ursachen
Das Gesamtbild ist entscheidend. Fakt ist, jede Kompensation aufgrund einer Dysfunktion kann nur über kurze Zeit verlustfrei erfolgen, dann kommt es zu einer Überlastung und zu weiteren Schäden. Die Ursachen für Dysfunktionen sind sehr vielfältig, manchmal offensichtlich und manchmal liegen sie im Verborgenen, weil sie nur sehr schleichend zu Veränderungen führen. Die Erkennung erfolgt dann erst, wenn das Fass bereits überläuft.
- Muskelverspannungen
- Gelenkprobleme/ Gelenkblockaden
- organische Erkrankungen/ Stoffwechselprobleme
- Faszienprobleme/ Sehnenschäden
- Gewebe Schäden durch Traumata [Tritt, Stürze, Unfälle,…]
- Arthrosen
- Fehl-/Überbelastungen
- nervale Beeinträchtigungen
- Mineral- und Nährstoffmängel [selten der alleinige Auslöser]
Hilft Training oder hilft es nicht?
Werden die Blockaden und Verspannungen sowie die Ursachen gezielt, nach und nach gelöst, können die Funktionsfähigkeiten wiederhergestellt werden und passendes Training eine schützende Funktion erfüllen. Ohne therapeutische Behandlung oder bei falsch ausgeführter Behandlung führt Training in aller Regel dazu, den Körper noch mehr in die Schieflage hineinzutrainieren, die kompensierenden Strukturen übernehmen die Leistung bis auch sie irgendwann nicht mehr können, so kommt es meist eher zur Verstärkung der Problematik, Überlastung oder gar Ausprägung einer Unfähigkeit. Es sind verschiedene Ursachen, die zusammenwirken und somit braucht es mehr als Training. Haltung, Fütterung, Training, Bewegung und Bewegungsfähigkeit. Ohne Bewegungsfähigkeit funktioniert kein gesundes Training.
Pause und Spazieren gehen zur Genesung?
Leider wird Dir auch das alleine nicht helfen. Auch wenn immer wieder gesagt wird „dann gibt’s halt erstmal Pause“ oder „dann stell ihn halt mal weg“ oder „dann schick ich ihn mal in ein professionelles Training“, ganz ehrlich vergiss das. Nur weil sich Dein Tier bewegt, über die Koppel schlendert oder sich in der Box die Beine in den Bauch steht ergibt sich noch keine bessere Bewegungsfähigkeit. Damit Du nicht allzu lange auf das falsche Pferd setzt, habe ich Dir einmal aufgeschrieben, was Du bei Trageschwäche tun solltest und was lieber nicht.
Was Du nicht tun solltest
- Besonders Rücken trainieren und kräftigen
- bei Trageschwäche schiebt der Brustkorb zwischen die Beine, der Bauch hängt, die Rückenlinie ist meist stark konkav
- Muskeltraining in diesem Bereich führt zur Kräftigung des Muskels, doch physiologisch wird der Muskel bei Zuwachs auch kürzer [ähnlich einer Wurstpelle]
- durch Rückentraining wird die Rückenlinie meist noch stärker konkav, was die Aufwölbung nur noch mehr blockiert
- Brustmuskulatur entspannen
- die Brustmuskulatur ist bei Trageschwäche durch tiefen vorgeschobenen Rumpf deutlich sichtbar und oft vorgewölbt
- Achtung! Selbst wenn Du dort eine Verspannung findest, ist diese meist eine Schutzfunktion, eine Kompensation des Körpers schlimmeres Ausmaß zu verhindern
- hier anzusetzen ist der falsche Weg, dadurch kann der Brustkorb noch weiter absacken und es dem Tier noch schwerer machen, selbst dann wenn das Tier kurzfristig zu entspannen und zu genießen scheint. GROBER BEHANDLUNGSFEHLER, im Zweifel Therapeuten wechseln.
- Ohne Sattel, mit baumlosen Reitpad
- besonders bei der Trageschwäche empfiehlt sich Reiten ohne Sattel nicht
- ein passender Sattel verteilt den Druck gleichmäßiger als ein Pad
- Pads mit Steigbügeln haben häufig einen einzelnen überlaufenden Riemen wodurch besonders im Leichttraben oder im leichten Sitz eine Druckspitze auf dem Widerrist entsteht
- Pferde mit Trageschwäche haben oft Rückenschmerzen und Balanceprobleme, daher besser erst Reitpause, Wiederaufbau und dann Reiten
- Ausbinder & Hilfszügel
- eigentlich sollen sie den Weg in die korrekte Position weisen, doch das erfordert Losgelassenheit
- ein Pferd in Kompensationshaltung, Verspannung und eigener physiologischer Überforderung kann nicht losgelassen dem Hilfszügel folgen
- daher erst Ursachen angehen, Blockaden und Verspannungen lösen
- selbes gilt für die Doppellonge, vor Anlehnung, Stellung und Biegung steht eine gesunde Losgelassenheit
Was Du tun solltest
- Verspannungen im Rücken lösen
- bei Trageschwäche ist die Rückenmuskulatur oft überlastet, verspannt, verkürzt
- Becken und Hinterhand werden entsprechend gekippt positioniert, um den Rücken zu unterstützen und zu entlasten oder folgen dem vermehrten Zug/der vermehrten Spannung
- diese Muskulatur sanft und wiederkehrend lösen kann Verkürzungen, Verspannungen, Fehlhaltungen und Kompensationen nach und nach abbauen
- Aufbautraining für Bauch und Brust
- die dem Rücken gegenüberliegende Muskulatur liegt im Bereich Bauch und Brust und ist meist zu schwach
- für gesunde Bewegungsfähigkeit braucht es ein kräftemäßiges Gleichgewicht der Muskelgruppen, d.h. die eine muss anspannen, die andere entspannen und sich dehnen
- deshalb braucht die verspannte, überlastete Rückenmuskulatur eine kräftige Bauch und Brustmuskulatur, um das muskuläre Gleichgewicht im Rumpf wiederherzustellen
- Gelenk- und Bewegungsblockaden lösen
- während der Trageschwäche führt die Kompensation häufig zu Blockaden im Bereich der Wirbelsäule, der Gelenk, der Gliedmaßen, Becken, Kreuzbein und sogar dem Kiefer
- sind Wirbel oder/und Gelenke in ihrer Bewegung blockiert, dann führen alles Training und alle Massagen nicht zum Erfolg
- mittels Chiropraktik und physiotherapeutischer Mobilisation wird die natürliche Bewegungsfreiheit wiederhergestellt
- Gelenk- und Gewebemobilisation
- die Kompensation in der Trageschwäche führt zu Verspannungen, Faszienproblemen und Gelenksteifigkeiten
- ist die Muskulatur nicht geschmeidig und gehen Faszien in der Bewegung nicht mit, wird Bewegung blockiert
- Tierphysiotherapie fördert mittels manueller Gelenkmobilisation die Gelenkmechanik, löst mit Massagen und Lösegriffen die Muskulatur und die Faszien
Zusammenfassende Empfehlung
Sei Dir bewusst, das sich eine fehlende Funktion nicht durch Pause oder Training bessert, sondern durch passgenaue Unterstützung. Ohne eine gezielte Reaktivierung bleibt oder verschlechtert sich die Problematik, was dann wiederum Muskelabbau, weitere Kompensation, chronische Beschwerden und Verschleiß nach sich zieht. Trainingspausen sind wichtig, aber wer glaubt, eine x-wöchige oder x-monatige Auszeit mit Solarium bis Bemer Decke wird es richten, der wird feststellen: „Das hilft doch alles nix.“ Wenn Du nicht gerade selbst Pferdetherapeutin bist, dann hol Dir Unterstützung und lerne worauf es bei der Trageschwäche ankommt. Dafür brauchst Du keine teuren Onlinekurse, keinen Dr. Google oder ChatGpt – letztere haben mehr als verrückte Ideen, die Euch nicht weiterbringen werden. Schick Dein Pferd nicht in Rente, denn irgendwas in Haltung, Bewegung und Fütterungsmanagement hat Deinem Pferd den Symptomkomplex Trageerschöpfung eingebrogt und jetzt verdient es Deine Aufmerksamkeit, egal wie alt es ist. Löffelt die Suppe gemeinsam wieder aus, denn es ist wie gesagt ein Symptomkomplex, keine unumkehrbare Krankheit des Alters. Regelmäßiges Lösen von Muskelverspannungen, manuelles Durchbewegen der Gelenke in allen ihren physiologischen Bewegungsrichtungen und die Behandlung von Faszienthematiken mobilisiert und erhält die natürliche Bewegungsfähigkeit. Dazu braucht es eine geeignete Therapeutin bzw. einen geeigneten Therapeuten und regelmäßige Termine. Nicht zu früh aufgeben sondern in die Genesung hineintherapieren beugt Rückfällen vor.

